My whole life is a fake

Sie.

>>Wind of Change tönt durch die verlassene Wohnung. Es ist eine der ersten warmen Sommernächte. Zwei Zwölfjährige hocken in der Dunkelheit in einem Wintergarten und trinken Wein. Sie sprechen nicht viel. Ab und zu ein paar Worte, aber die brauchen sie eigentlich nicht, um sich zu verstehen. Je mehr Wein es wird, desto öfter lachen sie. Über nichts und alles. Viel von dem geklauten Weißwein, der keinem der beiden so recht schmeckt, braucht es nicht, bis sie keinen anständigen Satz mehr zu Stande bringen. Man sitzt herum, gestikuliert wild, schnattert und schweigt gemeinsam. Man ist auf eine schöne Weise unglücklich, ja, fast schon melancholisch oder gar nostalgisch. Auf was 12-jährige sehnsüchtig zurückblicken können, könnte man sich fragen, immerhin haben sie ja noch kein langes Leben hinter sich, noch keine Erfahrung, sind noch Kinder. Aber das sind sie nichtmehr, und genau das ist es, was sie vermissen. Sie sind irgendwo zwischen Playmobil, Marilyn Manson und Schönheitsidealen steckengeblieben. Sie können weder vor noch zurück. Und sie lachen sich gemeinsam durch die Welt, die plötzlich so grausam und fremd geworden ist. <<

Unsere Freundschaft war nicht eine von denen, die man eben hat, wenn man ein Kind ist. Es war keine von denen, die halt so da sind, schön , aber ersetzbar. Diese Freundschaft war mehr. Es mag sein, dass es mir bloß so vorkommt, da es hier immerhin um einen Teil meines Lebens geht. Trotzdem. Ich glaube, dass es auch objektiv gesehen nicht das ist, was man als „normal“ bezeichnen würde.

Wenn ich an Katrin denke, dann denke ich an so viel anderes, an so viel, was sie ausgemacht hat, unsere Freundschaft, und letztendlich auch meine ganze Kindheit.

Ich denke an ihrer langen Haare, an Curryketchup & Nudelsalat, an König der Löwen, an schwarzen Nagellack, an Playmobil und die Sendung „The Tribe“ , an Horrorfilme und das Gefühl, das erste Mal in seinem Leben eine Nacht durchgemacht zu haben. Ich denke an

meine erste Zigarette und an die vielen Parallelen, die es gab, ohne dass wir uns dessen bewusst waren. Ich denke an lange Spaziergänge, an den Sommer, den Winter, an die Hasen und an Hexenbücher. Ich denke daran, wie unglaublich es war, mit ihr all das gleichzeitig und durcheinander zu erleben. Ich denke daran, dass wir jahrelang zwischen naivem kindlichen Gehabe, pubertärem Gezicke und tatsächlich auch erstaunlich erwachsenem Verhalten hin und hergependelt sind.

Wenn ich heute an sie denke, kommt mir aber in erster Linie der Gedanke daran, dass ich sie vermisse. Und daran, dass ich nicht glaube, dass sie das Alter von 20 Jahren erreichen wird. Wahrscheinlich wird sie sich vorher umbringen – ob nun auf direktem oder indirektem Wege. Es tut weh, dass zu wissen, und nichts dagegen tun zu können. So war es in dem letzten halben Jahr unserer Freundschaft, und so ist es auch jetzt, wo wir uns kaum noch sehen.

Ich habe Katrin im Kindergarten kennengelernt. Wir konnten uns damals nicht leiden, sind dauernd aufeinander losgegangen, haben uns geprügelt und einander verpetzt.

Aber in der zweiten Klasse waren wir von einem Tag auf den anderen beste Freundinnen. Wir sind zusammen nach Hause geloffen, sie hat mir von ihrer Fantasiewelt erzählt, in der sie damals lebte. Ich hatte es bis zu diesem Zeitpunkt niemals als notwendig empfunden, mich in eine Fantasiewelt zurückzuziehen und fand das somit natürlich höchst interessant. Wir redeten viel darüber, und ich glaubte immer mehr daran, dass genau diese Welt existierte. Wir glaubten beide daran. Nach einigen Wochen steckten wir tagtäglich zusammen und Katrin machte mich nach und nach zu jemandem, der einen eigenen Willen entwickelte. Als wir in der 3.ten oder 4.ten Klasse zu alt für imaginäre Freunde wurden, gründeten wir eine Bande, die ab diesem Zeitpunkt unser ein und alles war. Für uns beide war es immer so gewesen, dass wir das, was wir uns zusammen aufbauten, zu dem Mittelpunkt unseres Lebens machten.

Als sie nach der 4. Grundschulklasse auf die Hauptschule wechselte und ich auf die Realschule, riss das erstmals einen tiefen Graben in unsere Freundschaft. Da war nichtmehr in der gleichen Klasse waren, brauchten wir einige Zeit, um uns wieder zusammenzuraufen. Dadurch, dass wir uns in andere Richtungen entwickelt hatten, wurde unsere Freundschaft aber auch stärker. Wir verbrachten tausende von Nachmittagen damit, mit Playmobilfiguren zu spielen, oder unsere damalige Lieblingssendung nachzuspielen. Der Schritt, der uns aus diesen kindlichen Gewohnheiten erstmals herausriss, war Katrins 7 Jahre älterer Bruder, der uns ein Buch über weiße Magie auslieh. Ab diesem Zeitpunkt beschäftigten wir uns sehr mit diesen Themen, pendelten, spielten Gläßerrücken und bildeten uns ein, mit irgendwelchen höheren Mächten kommunizieren zu können. Es muss der Sommer gewesen sein, als ich 11 war und sie 12 wurde, wenn mich nicht alles täuscht. Dieser Sommer wird mir ewig in Erinnerung bleiben. Mit ein paar anderen Freunden waren wir den ganzen Tag draußen und schwankten zwischen Gesprächen über Hexerei, Lagerfeuern und Playmobilspielen. Wir hatten beide Probleme zu Hause, sie eher mit ihrer Mutter, während ich oft mit meinem Vater stritt. In einer Situation, in der ich sehr wütend war, hatte ich damals eine Kasettenhülle zerbrochen und mir damit oberflächliche Verletzungen zugefügt. Das tat ich, ohne zu wissen, das Katrin ähnliche Dinge tat – mit Brieföffnern, Scheren und Nadeln ritzte sie sich damals in die Arme. Wir taten es beide, waren beste Freundinnen, und doch bekamen wir gegenseitig lange Zeit nichts davon mit.

Ein Jahr später sah das alles bereits ganz anderst aus; In dem Sommer, in dem wir 12 & 13 Jahre alt waren, trafen wir uns täglich, um zu rauchen und uns über unsere Eltern auszulassen. Durch ihren Freund kam sie damals zu Metal, begann, sich schwarz anzuziehen und ihr Zimmer mit Postern zu tapezieren. Auch ich fing dadurch damals an, mich für die schwarze Szene zu interessieren, auch, wenn mir Metal nicht unbedingt recht war, sondern ich eher in die Gothicrichtung ging. Heute kann ich sagen, dass ich mich wie Claudy666 benahm, aber was will man von einer 12-jährigen erwarten ?

In diesem Sommer kamen bei uns beiden – wieder unabhängig und lange Zeit ungewusst voneinander – Probleme mit unserem Körper zum Vorschein. Katrin hatte eine sehr frühe körperliche Entwicklung gehabt, und als sie 13 war, schliefen ihr Freund und sie das erste Mal miteinander. Das alles war zuviel, gerade, weil sie noch genauso sehr Kind war, wie ich auch – zu dieser Zeit packten wir immer noch ab und zu unsere Playmobilfiguren aus – wollte sie diesen „unpassenden“ Körper nichtmehr, und begann, immer öfter zu kotzen.

Als sie mir das im Herbst beichtete hatte auch ich bereits ähnliche Erfahrungen gemacht, ohne von ihr jemals davor irgendwas in der Richtung gehört zu haben. Ich sah sie als Maßstab an, und gab meinem pummeligen Aussehen die Schuld daran, dass ich noch keinen Freund hatte, und noch nicht so weit war, wie sie. Ich wollte das auch, also versuchte ich abzunehmen. Es war damals mein einziges Ziel, und ich hungerte und fraß abwechselnd.

Nach dem wir uns davon erzählt hatten, logen wir uns eine ganze Weile ziemlich an. Jede wollte, dass es der anderen besser ging, sagte, sie selbst äße wieder normal – wir wussten beide, dass sich die jeweils andere in Proanaforen herumtrieb, und dass deren Ziel nicht die Normalisierung des Essverhaltens sondern eine Gewichtsabnahme war.

Das einzige Mal, als wir wirklich darüber redeten, war an einem kalten, nassen Frühlingsmorgen 2005. Wir hockten auf einem abgelegenen Spielplatz und rauchten. Noch heute kann ich mich an die Geruchsmischung zwischen der klaren Morgenluft, dem Zigarettenrauch und ihrem Parfum erinnern. Ich hatte an dem Tag davor massenhaft Blut beim Kotzen gespuckt, mir war dauernd schwindlig gewesen und mein Herz hatte seltsame Aussetzer gemacht. Ich hatte Angst, es sei nun vorbei mit mir.

Wir redeten an diesem Morgen über alles, wirklich alles. So ehrlich habe ich in meinem späteren Leben weder mit einem Psychiater, noch einer guten Freundin, noch sonst wem geredet. Und nach diesem Gespräch wollten wir beide wirklich aufhören, und das „sich gegenseitig helfen“ war nicht länger eine Lüge, sondern wie hatten wirklich vor, das zu tun. Wir wollten selbst da raus und die andere mitnehmen.

Doch der Alltag spülte dieses Vorhaben wieder fort, riss die guten Vorsätze mit sich.

Als ich nach den Sommerferien aufs Gymnasium wechselte, entstand ein Bruch zwischen uns, der nicht mehr so leicht behoben werden konnte.

Ich hatte auf meiner neuen Schule neue Leute kennengelernt, mit denen ich nun öfter einmal die Nachmittage verbrachte, und vor allem erlebte ich zum ersten Mal in meinem Leben, was es hieß, zu lernen. In der Realschule waren mir gute Noten einfach zugeflogen, ohne dass ich etwas dafür hätte tun müssen – auf dem Gymnasium musste ich mich anstrengen, um überhaupt noch zum Mittelfeld zu gehören. Ich hatte fast keine Zeit mehr für sie und so konnten wir immer weniger über wirklich wichtiges miteinander reden, auch, wenn wir uns nach einiger Zeit wieder öfters sahen.

Obwohl ich mich bei meinem neuen Freundeskreis immer mehr in „Heile-Welt-Kreisen“ befand, ging es mir nicht besser. Ich aß fast garnichtsmehr und nahm in dem Winter 05/06 über 10 Kilo ab. Katrin begann in dieser Zeit, heftig und oft zu trinken, und wir sahen einander zu, ohne etwas für den anderen tun zu können.

Als gegen Frühling meine bulimischen Attacken wieder kamen und heftiger wurden , ich mich noch dazu immer mehr verletzte und ich auch eine extreme Angst vor Menschen entwickelt hatte, entschloss ich mich, nun doch etwas zu tun und begab mich im August für fast 3 Monate in die Psychiatrie. Das ich Katrin so lange nicht gesehen habe, gab unserer Freundschaft wohl den Rest. Als ich wiederkam, sahen wir uns kaum noch. Ab irgendeinem Punkt waren wir einfach keine Freundinnen mehr, schon gar keine besten.

Das ist nun schon fast 1 Jahr her, und ich sehe Katrin nur noch manchmal durch Zufall auf dem Schulweg oder in der Stadt. Sie trinkt immer noch. Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, dass sie inzwischen auch Drogen nimmt. Ich will sie jedes Mal, wenn ich sie sehe, einfach in den Arm nehmen und sie retten, aber da ist eine Mauer zwischen uns. Heute werfen wir uns nur noch Höflichkeitsfloskeln zu, obwohl wir selbst wissen, dass wir uns eigentlich brauchen würden. Aber wir sind nicht mehr die, die wir waren. „Die fetten Jahre sind vorbei“. [Das passt hier so schön ^^]

Ich konnte hiermit nicht mal grob beschreiben, wie viel sie mir bedeutet[e]. Dies hier war viel eher eine Aneinanderreihung von Fakten. Aber man kann auch gar nicht ausdrücken, was das für eine Freundschaft war, die uns verband. Wir haben so viel zusammen durchgemacht. Jede Sekunde mit ihr war Lebenswert, auch Eifersuchtsszenarien, Streits oder mitzubekommen, dass die andere kurz vor einem Zusammenbruch steht. Es war alles so... einmalig.

Heute ist zu dauernd zugedröhnt, betäubt. Und ich bin irgendwas schreckliches geworden, was ich so nie wollte. Ich wünschte, es wäre nicht so. Ich wünschte, wir wären noch mal 12, würden im Wintergarten sitzen, Weißwein trinken und „Wind of Change hören. Ich wünschte...





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